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Warnung: Lesen kann zum Denken führen. Walter Ludin
 
Sylvia Wend, Mentorin
Sylvia Wend, Mentorin

„Das hat mich sehr berührt...“

Sylvia Wend, Mutter von sieben Kindern, erzählte auf unserer Weihnachtsfeier:

Seit Oktober 2007 trifft sie den neunjährigen Achmed einmal wöchentlich in Frankfurt. Achmed hatte ein Diktat zurückerhalten mit dem Schreibfehler „freunnlich“. Ich versuchte ihn mit Wortverwandtschaften an den Fehler heranzuführen „ ... der Freund, die Freundin, die Freunde.“

Achmed sah mich dabei immer an, als würde er mich nicht verstehen oder das fehlende „d“ nicht hören. Ich bat ihn, mir den Namen seines Freundes zu nennen. Augenblicklich wurde Achmed steif. Verschämt schaute er weg, murmelte in sich hinein, um dann einen Namen zu nennen - irgendeinen, wie mir schien. Hatte er keine Freunde? fragte ich mich. Spontan gestaltete ich die Stunde um, entschied mich, mit ihm über seine Erfahrungen in der Schule zu sprechen, seine Ängste, seine Wut.Was ich nur wenig später erlebte, freute mich riesig. Eine seiner Mitschülerinnen, Sara, 8, kam vor unserer Lesestunde strahlend auf mich zu: „Frau Wend, Achmed ist jetzt mein Freund. Er ist ganz anders geworden, richtig lieb und stört uns gar nicht mehr“. Ich konnte die frohe Botschaft gar nicht glauben und fragte die Lehrerin nach ihrem Eindruck. „Es stimmt.“ sagte diese. „Achmed meldet sich jetzt öfter, traut sich laut zu lesen. Dies zwar noch stockend, aber immerhin.“ Worauf sie dies zurückführe, fragte ich Frau Stenz, ich hatte doch erst sieben Stunden mit Achmed verbracht. „Sie widmen ihm Zeit und Aufmerksamkeit. Das motiviert die Kinder enorm.“

Na und mich erst! Ob der Wandel von Dauer sein wird, weiß ich noch nicht. In jedem Fall scheint mir der Weg zu einer freudigen, selbstmotivierten Mitarbeit des Jungen inzwischen ein Stück weit geebnet zu sein. Erfolgreiches Lesenlernen, das wurde mir noch einmal bewusst, ist stark an positive Gefühle gebunden. Was wir bei Mentor tun, ist weit mehr als Lesehilfe.

Sylvia Wend, 3. Januar 2008

Leserbrief

Zum Artikel „Die Leselernhelfer haben ein wunderbares Projekt ..“ vom 11.11.11 (leider wurde dieser Leserbrief nicht veröffentlicht.. deshalb diese Info)

 

In Ihrem Artikel zitieren Sie völlig richtig meine emotionale Motivation, warum ich zur Lesepatin wurde, deshalb möchte an dieser Stelle noch meine  gesellschaftspolitische hinzufügen:

 

Zeit meines Berufsleben als Lehrerin war ich der Ansicht, dass nur Ganztagsschulen und Gesamtschulen  o.ä. mit einem breit gefächerten Bildungsangebot für alle Niveaustufen alle Kinder und Jugendliche erreichen können, Mittagstisch eingeschlossen, damit Bildung für alle zur obersten Maxime unseres bildungspolitischen Handelns wird. Kein Kind darf ausgegrenzt werden, nur weil dessen Eltern die nötige Unterstützung nicht leisten oder bieten können.

 

Unsere Kinder und Jugendlichen sind jede Anstrengung Wert und  – ökonomisch gesehen – eine der wichtigsten Ressourcen unserer gemeinsamen Zukunft in unserer rohstoffarmen Nation, deren Bevölkerung immer älter wird. Wir können es uns schon aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus  nicht leisten - von der Menschenwürde, die immer an erster Stelle kommen sollte, einmal ganz abgesehen - auch nur einen einzigen Jugendlichen nicht seinen Fähigkeiten gemäß zu fördern. Wir brauchen alle! Packen wir die Aufgabe an. Engagieren wir uns bei allen Verbänden, jeder nach seinem Geschmack. Es wird Zeit!!!

 

Aber wir dürfen Staat und Gesellschaft auch nicht aus ihrer Verantwortung entlassen, indem Ehrenamtliche die Arbeit des Staates übernehmen, also eigentlich Aufgaben des öffentlichen Handelns.  

 

Wir sind kein Ersatz für staatliche Aufgaben. Wir sind nur Unterstützer und das von ganzem Herzen, vor allem in liebevoller Zuwendung zu den jungen Menschen, in deren Umfeld diese Zuwendung nicht – aus welchen Gründen auch immer – hinreichend gegeben ist; denn wir wollen unser unmittelbares Umfeld wieder etwas wärmer gestalten. Ich zumindest wollte schon im Beruf und will nun mit meinem Ehrenamt ein bisschen von dem zurückgeben, was mir selbst als „Kind aus kleinen Verhältnissen“  an Unterstützung und Vertrauen in meine Fähigkeiten widerfahren ist, um in dieser Gesellschaft voran zu kommen.

 

Edda Seyfert, Reiskirchen